Münster setzt im Einzelhandel Qualität vor Quantität

04. Juli 2008

Von Dr. Gudrun Escher

Zwei umfangreiche Baumaßnahmen entlang der Stubengasse arrondieren die Lauflagen der Innenstadt von Münster mit neuen, integrierten Centerkonzepten. In Münster scheint die Welt in Ordnung. Das Oberzentrum im Münsterland mit 287.000 Einwohnern und einem Einzugsbereich von 1 bis 2 Mio. Menschen ist touristischer Anziehungspunkt mit guten Beziehungen nach Großbritannien, denn hier war die Rheinarmee stationiert. Außerdem ist Münster Universitätsstadt mit einer entsprechend jungen und internationalen Bevölkerung.

Als Einkaufsstadt reicht der Ruf bis nach Nordholland, denn gleich nach der Düsseldorfer "Kö" rangiert Münster in der Gunst der westlichen Nachbarn an zweiter Stelle. Insgesamt, so hat Kemper’s Jones Lang LaSalle ermittelt, liegt Münster bundesweit unter den Top 10 in NRW auf Platz vier. In Zahlen ausgedrückt heißt das: Die einzelhandelsrelevante Kaufkraft liegt nach GfK bei 1.588,5 Mio. Euro, entsprechend einer Kaufkraftkennziffer von 107,1, der Umsatz mit 2 048,8 Mio. Euro ergibt eine Umsatzkennziffer von 146,7 und die Zentralitätskennziffer beträgt 137.

Alle diese weit überdurchschnittlichen Werte sind seit 2006 noch einmal gestiegen. Hier könnte sich positiv ausgewirkt haben, dass in dem Jahr in Münster das erste innerstädtische Einkaufszentrum eröffnet wurde, die Münster Arkaden als Investment der Sparkasse Münster, die selbst einen Teil des Komplexes zwischen den Einkaufslagen

Ludgeristraße und Rothenburg als Verlängerung des bekannten Prinzipalmarktes bezogen hat. Dieses Projekt war letztlich eine Konsequenz aus dem als „Preußenpark-Urteil“ in die Geschichte der Einzelhandelsentwicklung eingegangenen gerichtlichen Entzugs der Baugenehmigung für ein Einkaufszentrum der ECE am Stadtrand mit angeschlossenem Sportstadion im Jahr 2000. Begründung: Die Auswirkungen auf die Innenstadt seien nicht hinreichend geprüft worden.

Dieses Urteil war Anlass für die Stadt, ein umfassendes, im Jahr 2004 vorgelegtes Einzelhandelskonzept zu erarbeiten. Wesentliches Fazit für die Innenstadt: Die Hauptlauflagen mit ihren Traditionsgeschäften müssten durch ein neues Angebot insbesondere für ein jüngeres Publikum so ergänzt werden, dass erstmals ein Rundlauf entsteht. Hier waren die Münster Arkaden mit 22.000 qm Verkaufsfläche ein erster Schritt. Das gemeinsam mit dem Düsseldorfer Beratungsunternehmen Comfort entwickelte Centerkonzept zeichnet sich durch die ringsum eingerichteten Einzelgeschäfte aus, wodurch die Münster-Arkaden zur offenen Passage wurde sowie durch die Anbindung an das Picasso-Museum in einem historischen Stadthaus. Auf architektonische Qualität wurde nicht nur bei den Fassaden Wert gelegt, den Gesamtentwurf verantworten die Architekten Kleihues + Kleihues, Endinvestor und Betreiber ist die portugiesische Sonae Sierra.

Die Maxime „Qualität vor Quantität“ galt auch für zwei weitere Einzelhandelsprojekte, die nun entlang der Stubengasse in ein Areal vordringen, das über Jahrzehnte als klassische Hinterhofseite und Behelfsparkplatz auf bessere Zeiten wartete. Das Hansa Carré ist eine Entwicklung des Münsteraner Architekten und Projektentwicklers Peter Deilmann, die Betreuung des an Görtz, New Yorker, Cult, s‘Oliver und Starbucks voll vermieteten Objektes mit nicht mehr als 7.000 qm Verkaufsfläche liegt bei SQM Property Management, ebenfalls aus Münster. Hier entsteht ein an Münsteraner Dimensionen angepasster Baukomplex aus zwei gegliederten Blöcken mit Innenhöfen. Der Clou, die Obergeschosse sind wie aufgesetzte Reihenhäuser mit Giebeln zur Straße für Mietwohnungen vorgesehen, denn innerstädtischer, hochwertiger Wohnraum ist in Münster Mangelware. Eröffnet wird Anfang Oktober 2008. Auch das zweite Projekt unter dem Namen Stubengasse Münster (Foto) ist bereits zur Grundsteinlegung, betreut von Kemper’s Jones Lang LaSalle, voll vermietet und bildet ebenfalls ein zweiteiliges Bauensemble mit Innenhöfen als öffentlicher Raum. Mieter sind hier Karstadt-Sport – in Nachbarschaft zum bestehenden Karstadt-Warenhaus -, Esprit, Tom Tailor, Telekom und E-Plus sowie die Deutsche Bank auf insgesamt ca. 6.000 qm. Noch einmal 7.000 qm bezieht ein Ramada Treff-Hotel im 4-Sterne-Standard mit 140 Zimmern und Boarding House, ebenfalls ein Desiderat in der Innenstadt. Architekten sind hier das Team Ernst Kaspar aus Aachen und Fritzen und Müller-Giebeler aus Ahlen. Als Projektentwickler tritt die 2007 neu formierte Harpen Immobilien aus Dortmund auf, ehemals ein Bergbauunternehmen. Investitionsvolumen: ca. 70 Mio. Euro. Die Eröffnung ist für September 2009 projektiert.

Derweil arbeitet die Wirtschaftsförderung bereits an den nächsten Schritten und die beziehen sich vor allem auf die Windhorststraße in Richtung Bahnhof und das Bahnhofsumfeld, denn eine Passantenzählung imFrühjahr hat ergeben, dass die hohe Frequenz hier rasch und deutlich abfällt. Für die Windhorststraße selbst ist die Initiative Standortgemeinschaft ISG nach dem Muster der BID’s ins Leben gerufen worden, beraten von SQM. Und die Erfahrung zeigt, dass Eigeninitiative in Münster kein Fremdwort ist. Auch für den Bahnhof stehen die Signale auf „grün“, nachdem Bund und Land dem Umbau zugestimmt haben. Dabei soll die Einzelhandelsfläche von 2.500 qm auf 10.000 aufgestockt werden.

Quelle: HIR, Nr. 25, 04.07.2008

 


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