Von Ruth Vierbuchen
Als Thomas Middelhoff, Vorstandschef von Karstadt-Quelle (heute Arcandor) 2005 die Karstadt-Kompakt-Kaufhäuser (heute Hertie) an Dawnay Day/Hilco, die Textilketten Wehmeyer an die Schottenstein-Gruppe sowie Sinn-Leffers an die Deutsche Industrie-Holding verkaufte, war das für den angeschlagenen Handels- und Touristik-Konzern ein Befreiungsschlag: Er trennte sich von Verlustbringern bzw. von Töchtern, für die mit großem Managementeinsatz ein neues Konzept entwickelt werden musste und behielt ein Karstadt-Warenhaus-Netz mit günstigeren Voraussetzungen für die Weiterführung. Wie groß die Entlastung wirklich war, zeigt sich heute: Drei Jahre später haben alle drei Insolvenz angemeldet – Sinn-Leffers eher freiwillig wegen drohender Zahlungsunfähigkeit, weil die Mietlast zu hoch ist.
Am klarsten ist insofern bisher die Lage bei Sinn-Leffers, die am 7. August beim Amtsgericht Hagen Insolvenz angemeldet hat. Die Tochter der Deutschen Industrie-Holding (DIH), die von dem ehemaligen Wella-Manager und Tengelmann-Berater Peter Zühlsdorff geführt wird, geht wohl überlegt mit einem Sanierungsplan in die Insolvenz, die zudem in Eigenverantwortung unter der bisherigen Geschäftsführung bewältigt werden soll. Das schafft Vertrauen bei den Lieferanten. Zum Insolvenzverwalter wurde Horst Piepenburg (Foto) aus Düsseldorf ernannt, der 2005 die Drogeriekette Ihr-Platz im Rahmen einer Plansanierung gerettet hatte.
Mit Schultze & Braun aus Achern hat sich Sinn-Leffers zudem im Vorfeld einen renommierten Sanierungsberater ins Haus geholt, dessen Partner Eberhard Braun in Deutschland zu den Protagonisten der – eher selten angewandten – Plansanierung gehört.
„Es gibt Unternehmen“,
so hatte Braun bereits vor Jahren deutlich gemacht,
„für die die Plansanierung die einzige Chance zur Rettung ist.“
Und dazu zählt er den Filial-Einzelhandel in angemieteten Ladenlokalen. Schon im Vorfeld des Insolvenzantrags ist Detlef Specovius (Foto), Sanierungsexperte von Schultze & Braun, in die Sinn-Leffers-Geschäftsführung eingezogen. Während nach dem alten deutschen Insolvenzrecht, das bis Ende 1998 galt, Liquidation und Zerschlagung des Unternehmens oder die Übertragung des Geschäftsbetriebs auf eine Auffanggesellschaft im Vordergrund standen, ermöglicht die Insolvenzordnung seit 1999, in Anlehnung an Chapter 11 des US-Konkursrechts, dass das Unternehmen als ganzes, also der Rechtsträger, saniert werden kann. Grundlage ist dabei, dass der Insolvenzverwalter in seinem Sanierungsplan plausibel darlegt, dass das Unternehmen nach der Entschuldung durch Forderungsverzicht der Gläubiger eine gesunde Geschäftsgrundlage hat.
Und dafür erhalten Insolvenzverwalter und Geschäftsführung mehr Spielraum. Konkret bedeutet das beim filialisierten Einzelhandel, dass die Insolvenzklausel bei Mietverträgen nicht mehr greift, d.h. der Vermieter kann im Insolvenzfall nicht mehr automatisch den Mietvertrag kündigen. Der Einzelhändler behält die Verfügungsgewalt über die gemieteten Räume. Umgekehrt erlöscht im Insolvenzfall die Betreiberpflicht, d.h. der Einzelhändler kann auch lang laufende Mietverträge binnen drei Monaten kündigen. Das eröffnet dem filialisierten Einzelhandel die Möglichkeit, defizitäre Filialen zu schließen und lukrative zu behalten – eine Grundvoraussetzung fürs Überleben.
Darauf setzt Sinn-Leffers mit seinen 47 Filialen und rd. 4 000 Mitarbeitern. Denn die Mietbelastung des Unternehmens ist mit durchschnittlich 14,5% des Umsatzes – in Extremfällen liegt sie bei 25% – überdurchschnittlich hoch. Und einige der Mietverträge laufen noch 10 bis 15 Jahre. Zum Vergleich: Vertikale Anbieter, die von der Herstellung bis zum Verkauf alles selbst machen und die deshalb höhere Spannen erzielen und damit höhere Mieten zahlen können als der durchschnittliche Einzelhändler, zahlen nach Beobachtung des Düsseldorfer Maklerunternehmens Comfort über 10%, traditionelle Textilanbieter zwischen 6 und 8%.
Im Zuge des Insolvenzverfahrens können die Sinn-Leffers-Manager die Mietverträge mit den etwa 20 Eigentümern, die aus Privatpersonen, Erbengemeinschaften und Fonds bestehen, neu verhandeln. Wenn mit den Privatpersonen keine Einigung erzielt werden kann, ist Sinn-Leffers auch bereit, einzelne Filialen zu schließen, um aus der Mietbelastung herauszukommen, die Liquidität und Eigenkapital stark belastet. DIH-Gesellschafter Zühlsdorff glaubt aber fest an den Erfolg der Sanierung und die Zukunftsfähigkeit des Konzepts. Sanierungsexperte Specovius schätzt, dass die Plansanierung in etwa sechs Monaten abgewickelt werden kann.
Investor für Hertie dringend gesucht
Weniger klar ist dagegen die Lage im Fall Hertie, auch wenn Insolvenzverwalter Biner Bähr, Partner der internationalen Anwaltssozietät White & Case in der FAZ und der Süddeutschen Zeitung versichert, dass er die Sanierung schaffen wird:
„Ich kämpfe um jedes Haus.“
Doch während der Eigentümer DIH zu 100% hinter Sinn-Leffers steht, hat Bähr zunächst einmal das Frankfurter Investmenthaus Corporate Finance Partners damit beauftragt, einen Investor für Hertie zu finden, denn auf die angeschlagene Dawnay Day kann er nicht mehr fest rechnen. Ernst zu nehmende Finanzinvestoren haben sich laut Bähr schon gemeldet. Doch was Hertie dringender brauchen würde, wäre ein strategischer Investor, der gleich ein tragfähiges Konzept für die Kaufhaus-Kette mitbringt.
So moniert auch Joachim Stumpf, Geschäftsführer der BBE Handelsberatung in München, dass es bei Hertie – neben den bekannten Strukturproblemen des Marktes – nicht gelungen sei, ein schlüssiges Konzept bei Sortiment und Marktauftritt zu finden:
„Bei dem vorhandenen Hyperwettbewerb können nur Unternehmen mit einem guten und eindeutigen Konzept bestehen. Mittelmaß kann nicht überleben“,
so der Handelsexperte. Gleichzeitig liegt die Lösung für eine Warenhauskette wie Hertie nicht in einem Einheitskonzept, da die traditionellen Kaufhaus-Standorte recht heterogene Strukturen aufweisen. Das heißt: Viel Freiraum für den Geschäftsführer vor Ort, der das richtige Sortiment finden muss.
Insolvenzverwalter Bähr will in den nächsten Monaten daran gehen, die 72 Kaufhaus-Standorte mit 4 300 Beschäftigten zu analysieren, um dann zu entscheiden, ob einzelne Filialen geschlossen werden müssen. Insider schätzen, dass es eine ganze Reihe von Hertie-Kaufhäusern gibt, die durchaus gut laufen. Günstig für Bähr ist zudem, dass das Weihnachtsgeschäft immer näher rückt, was den Abverkauf reduzierter Ware begünstigen dürfte und zusätzlich einige Millionen einbringen könnte, zumal die Bezahlung der Mitarbeiter von der Agentur für Arbeit übernommen wird.
Hinzu kommt die Unterstützung von Seiten der Kommunen wie Hamburg oder Rendsburg, die unbedingt vermeiden wollen, dass große Kaufhausimmobilien in Stadtzentren oder Stadtteilen leer stehen, weil das fatale Folgen für den umliegenden Einzelhandel haben würde – ganz abgesehen von den verlorenen Arbeitsplätzen.
Darüber hinaus gibt es im Fall Hertie aber mehr offene Fragen als Antworten. Zunächst deutet nichts darauf hin, dass Bähr eine Sanierung der Hertie-Gruppe als ganzes im Rahmen einer Plansanierung ins Auge fasst. Denn einen Sanierungsplan müsste er gleich zu Beginn der Insolvenz den Gläubigern präsentieren, um sie zum Verzicht auf einen Teil ihrer Forderungen zu bewegen. Ganz offensichtlich setzt Bähr seine Hoffnung auf einen Investor, der frisches Geld einschießt. Jedenfalls stellt er im Interview mit der SZ fest:
„Am Ende des Prozesses werden wir dann hoffentlich einen Investor haben, der zu Hertie passt und mit dem sowohl die Mitarbeiter als auch die Lieferanten und Kunden gut leben können.“
Damit ist das Problem; dass Hertie nicht wirklich ein tragfähiges Konzept für die Warenhäuser hat, noch nicht gelöst. Eine andere Möglichkeit bestünde darin, die ertragreichen Standorte auszusortieren und in eine neu gegründete Auffanggesellschaft einzustellen.
Unklar ist auch, wem die Hertie-Immobilien inzwischen gehören, in welchen Fonds von Dawnay Day sie stecken und ob die Mieten, auch hier, wie vielfach spekuliert wird, zu hoch sind. Und dann stellt sich für viele Interessenten, die insbesondere an den Immobilien interessiert sind die Frage, ob der Eigentümer Dawnay Day auch verkaufen will. Es bleiben Fragen über Fragen und es ist zu wünschen, dass der Insolvenzverwalter sie bald beantworten kann.
Auch bei der Sanierung von Wehmeyer setzt Insolvenzverwalter Frank Kebekus aus Düsseldorf auf neue Investoren. Wie er mitteilt, haben sich
„mehr als ein Dutzend ernsthafte Interessenten gemeldet, darunter sowohl Finanz- als auch strategische Investoren“.
Und auch Sondierungsgespräche haben bereits stattgefunden. Ziel ist es unter anderem, möglichst viele der 39 Filialen und der 1 000 Arbeitsplätze zu erhalten. Der Fall Wehmeyer dürfte auch weniger verzwickt sein als der Fall Hertie.
Quelle: HIR, Nr. 28, 15.08.2008
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