(Von Ruth Vierbuchen, Chefredakteurin „Handelsimmobilien Report“) – Die Mülheimer Tengelmann-Gruppe hat nach den Worten ihres geschäftsführenden Gesellschafters Karl Erivan Haub (Foto) 2011 einen stabilen Start erwischt, wobei der Umsatz jedoch unter Plan, das Ergebnis bislang aber über Plan liegt. Insgesamt ist Haub in seinem Ausblick für das Gesamtjahr 2011 jedoch zuversichtlich.
Grund für die schwächere Erlösentwicklung war nach Haubs Worten, dass die Expansion der Tochtergesellschaften hinter den geplanten Zahlen zurück geblieben sei. Hier spielt die Finanzmarktkrise eine wichtige Rolle, denn viele der geplanten Einzelhandelsprojekte konnten nicht realisiert werden, weil die Entwickler sie nicht finanzieren konnten.
Das größte Risiko und der einzige Wermutstropfen für das Mülheimer Unternehmen im Jahr 2010, die Insolvenz der US-Beteiligung A & P im vergangenen Dezember, die nun unter Chapter 11 weiter geführt und saniert wird, hat Tengelmann im Jahresabschluss bilanziell bereits verarbeitet. Die Beteiligung von 38,5% an der USSupermarktkette, die zuletzt einen Umsatz von etwa 10 Mrd. USD erzielte, wurde laut Haub vollständig abgeschrieben. Das habe sich zwar sehr schmerzhaft mit einem dreistelligen Millionenbetrag niedergeschlagen, doch unter dem Strich konnte ein guter Ertrag ausgewiesen werden, wie Haub betont. Insgesamt war Tengelmann 31 Jahre an A & P beteiligt und erzielte dabei eine jährliche Verzinsung von 4%.
Derzeit begleitet Haubs jüngerer Bruder Christian Haub die Sanierung von A & P noch als Aufsichtsratsvorsitzender. Ob Tengelmann sich weiter an dem Unternehmen beteiligen wird, hält Karl Erivan Haub für eher unwahrscheinlich, da er in die aktuellen Konzepte der Geschäftsführung kein Vertrauen hat.
Die US-Kette A & P, die sich 2007 noch an der US-Lebensmittelkette Pathmark beteiligt hatte, war nach Ausbruch der Finanzmarktkrise und dem damit verbundenen drastischen Einbruch beim privaten Konsum in Schieflage geraten und anschließend tief in die Verlustzone gerutscht.
Wie sich das US-Abenteuer in der Tengelmann-Bilanz genau ausgewirkt hat, lässt sich schwer sagen. Die einzige Ertragszahl, die das Mülheimer Familienunternehmen nennt, ist das operative EBITDA, das nach Haubs Worten 2010 einen Wert von 410 Mio. Euro erreichte, den höchsten Wert der vergangenen 12 Jahre. 330 Mio. Euro hatte Tengelmann im Jahr zuvor erzielt. Die Eigenkapitalquote stieg um 3,6 Prozentpunkte auf fast 37%, ein Wert, der aus Haubs Sicht für ein Familienunternehmen, das auf solide Finanzierung setzt, angemessen ist.
Im Jahr 2 nach der Finanzmarktkrise des Jahres 2008 gibt Haub zu verstehen, dass er in jeder Hinsicht positiv überrascht ist. In allen Geschäftsfeldern, der Supermarkt- Sparte Kaiser’s Tengelmann, dem Textil-Discounter KiK, der Baumarkt-Kette Obi und im wachsenden Geschäftsfeld E-Commerce, sei der Umsatz 2010 gewachsen. Bereinigt um Währungseffekte und aufgegebene Landesgesellschaften und Vertriebsregionen stieg der Gruppen-Umsatz um 4,1% auf 10,52 Mrd. Euro. Davon wurden 30% in den 14 Ländern erzielt, in denen das Unternehmen inzwischen vertreten ist.
Das mit Abstand wichtigste Zugpferd des Konzerns ist die Baumarkt-Kette Obi, die im deutschen Heimwerker-Markt die Nummer eins ist und nach Haubs Worten auch in Europa die Spitze erreichen soll. Nach 24 Neueröffnungen – davon 7 in Deutschland – stieg der Obi-Umsatz um 6% auf 6,4 Mrd. Euro. „Im vergangenen Februar eröffnete Obi an einem Tag gleichzeitig 5 neue Standorte“, berichtet Haub.
Das Marktumfeld für Baumärkte ist nach seinen Worten relativ günstig. In Deutschland dürfte Obi aus seiner Sicht von der Energie-Wende profitieren. Mit Blick auf die Schwierigkeiten, in denen Wettbewerber Praktiker offenbar steckt, stellt der Tengelmann- Chef fest, dass Obi – im Fall der Fälle – nur an einzelnen Standorten von Praktiker interessiert sei, nicht an der Übernahme ganzer Teile wie etwa der Tochter Max Bahr. Der Grund: Die Gebietsüberschneidungen von Obi und Praktiker seien zu groß.
Obi ist heute mit 561 Märkten in Bosnien-Herzegowina, Italien, Kroatien, Österreich, Polen, Rumänien, Russland, Schweiz, Slowenien, Tschechien, Ukraine und Ungarn vertreten. Seit November 2010 baut die Baumarkt-Tochter auch einen Web-Shop auf, um ein breites Sortiment auch online zu verbreiten.
Nach der Marktführerschaft im Textil-Discount greift auch die Tochter KiK, die neben Deutschland bislang in 5 europäischen Ländern – Österreich, Slowenien, Slowakei, Tschechien und Ungarn – vertreten ist. Der Umsatz wuchs im Vorjahr währungsbereinigt um 1,9% auf 1,66 Mrd. Euro. 243 neue Filialen wurden eröffnet. Um das Image des Discounters zu verbessern, will KiK laut Haub noch in diesem Jahr „als 1. Geschäftsfeld des Konzerns“ einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen.
Moderat verlief das Geschäft in den 531 Supermärkten der Sparte Kaiser’s Tengelmann, die ihre regionalen Schwerpunkte in den Regionen Berlin und München hat, sich nach Bestätigung des Tengelmann-Chefs in der Heimatregion Nordrhein derzeit aber schwerer tut. Der Umsatz wuchs um 0,1% auf 2,16 Mrd. Euro. Die Gewinn- und Verlustrechnung weise keinen Verlust, aber auch keinen Gewinn aus, berichtet Haub.
Bereits im Vorjahr hatte er berichtet, dass die Supermarktsparte durch ein Zukunftssi cherungsprogramm wieder auf ein solides Fundament gestellt werden soll. In diesem Rahmen wurde mit den Betriebsräten vereinbart, dass die Mitarbeiter auf 50% des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes verzichten.
Mit Blick auf das Internet-Zeitalter erweitert Tengelmann auch das Angebot seiner „Tengelmann E-Commerce GmbH“, die ihre Aktivitäten 2001 mit der Eröffnung des Plus Online Shops begonnen hatte. Gleichzeitig beteiligt sich Tengelmann an jungen Internet Start-Ups. Die Zahl summiert sich auf 13 „erfolgversprechende Unternehmen“ und soll mittelfristig 20 erreichen.
Als gute und sichere Einnahmequelle – vor allem mit Blick auf die Schuldenkrise – sieht Haub das Geschäft der TREI Real Estate GmbH, die 361 überwiegend langfristig vermietete Auslandsimmobilien betreut und verwaltet. Dabei handelt es sich um Objekte in Bulgarien, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Tschechien und Ungarn. Mieter sind die Käufer der ehemaligen Plus-Discounter im Ausland.
(Quelle: HIR Nr. 100 vom 22.07.2011 / Foto: (c) Tengelmann Warenhandelsgesellschaft KG)
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