Bislang konnten die deutschen Amtsgerichte von dem Konjunkturdesaster nicht profitieren.
Timelag oder echte Verschonung stellt sich als Frage. Das werden aber erst die nächsten 24 Monate beantworten können. Nach unseren Erfahrungen wird erst mit zunehmender Handlungsfreiheit der Banken, Durchführung eines langwierigen Procederes, einem wieder rational offenen politischem Umfeld und natürlich Scheitern aller gemeinsamen Sanierungs- und Verzögerungsbemühungen das tatsächliche Ausmaß des Krieges der Finanzwirtschaft gegen die Realwirtschaft deutlich.
In 2009 gingen die Zwangsversteigerungen mit ca. 86 000 Zwangsversteigerungsterminen und einem Verkehrswert von über 15,11 Mrd. Euro sogar noch um 2% zurück. In Berlin sanken die Zwangsversteigerungstermine aufgrund der starken Immobiliennachfrage sogar um fast 17%. Der Werteverfall im Osten scheint endlich gestoppt. Bundesländer mit zunehmenden Zwangsversteigerungen liegen in der Mitte und im Norden der Republik: Hessen und die Saar, Schleswig und Hamburg. Das ermittelte die Ratinger Argetra GmbH, die monatlich die Entwicklungen bei Zwangsversteigerungen erfasst. Auch für Argetra-Gründer Winfried Aufterbeck wird die Wirkung der schwächelnden Konjunktur frühestens 2010 spürbar werden.
Überraschend ist die Entwicklung bei den Stadtstaaten. Musterknabe Hamburg ist auf einmal mit +18,0% „Spitzenreiter“ bei der Zunahme von Zwangsversteigerungen. Das traditionelle Sorgenkind Berlin hält dagegen mit einem Rückgang der Zwangsversteigerungen um 16,6% am positiven Ende der Bandbreite die Fahne hoch. Die neuen Länder sind zwar in absoluten Zahlen nicht mehr die Spitzenreiter in der Zwangsversteigerungs-Statistik, bleiben jedoch in der Pro-Kopf-Relation weiter vorne. Immerhin haben in Mecklenburg-Vorpommern die Termine um 9,8% und in Brandenburg um 9,7% abgenommen. Allerdings liegen die NBL mit 218 Terminen pro 100 000 Haushalten in Sachsen und 163 in MP bei einem deutschen Durchschnitt von 107 Termine immer noch deutlich vor der Westbandbreite zwischen 143 Terminen in Rheinland-Pfalz und 40 Terminen in Hamburg.
Das relativiert natürlich auch die Veränderungsstatistik, denn trotz höchster Zunahme bleibt Hamburg noch vor Baden-Württemberg Deutschlands sicherstes Immobilienland. Von den insgesamt anberaumten 86 617 Zwangsversteigerungstermine waren 72,9% Ersttermine und 27,1% Folgetermine. Bei den Folgeterminen handelte es sich bei 34,1% um Eigentumswohnungen, bei 31,2% um Gewerbeobjekte und bei 29,7% um Ein- / Zweifamilienhäuser / Doppelhaushälften. Grundstücke waren mit 4% betroffen, Garagen und Sonstiges nur mit 1%. Der Durchschnitt der Verkehrswerte reicht von 378 TEuro in Hamburg bis 89,2 TEuro in Bremen. Der Deutschland-Schnitt liegt bei 174,5 TEuro.
Deutsche Amtsgerichte arbeiten unterschiedlich schnell. Die zeitliche Spanne zwischen der Beschlagnahme des Objektes und der Veröffentlichung des ersten Versteigerungstermins liegt im Durchschnitt zwischen 347 und 586 Tagen. Betrachtet man das gesamte Verfahren einschließlich der Folgetermine, kann es sogar bis über 1 000 Tage dauern. Zunehmend werden die absehbaren Verluste präventiv in eine außergerichtliche Preisvereinbarung eingerechnet. Die Verluste, für die der zahlungspflichtige Eigentümer möglicherweise einzustehen hat, steigen brutal an. Da hilft nur die Privatinsolvenz mit langem konjunkturhemmenden Schleppanker. Deshalb hatten wir Ihnen in unserem letzten Spezial von November auch herausgearbeitet, dass wir in den Ländern mit Non Recourse Finanzierung ohne Haftung, also vor allem den USA, eine schnellere Erholung sehen als in gebeutelten Euro-Ländern wie Irland oder Spanien. (Gi24/uk, DIB, Nr. 209/WR)
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