Karstadt-Rettung: Einzelhandel in der City atmet auf

Ein monatelanger Nervenkrieg ist vorüber, der Übernahme der Warenhauskette Karstadt durch den deutschstämmigen Investor Nicolas Berggruen steht nichts mehr im Wege. Zum 1. Oktober erhält Berggruen die Schlüsselgewalt über sämtliche Karstadt-Standorte, alle 120 Filialen mit insgesamt rund 25.000 Arbeitsplätzen sollen zunächst einmal erhalten bleiben. Auch die Einzelhandelsimmobilienbranche in der deutschen 1A-Lage atmet auf.

„Durch die gesamte innerstädtische 1A-Lage geht ein Ruck der Erleichterung, alle Beteiligten sind froh, dass die Zeit der Ungewissheit nun endlich vorüber ist“, sagt Achim Weitkamp, geschäftsführender Gesellschafter des auf innerstädtische 1A-Lagen spezialisierten Maklerhauses LÜHRMANN. „Die Bestätigung der Übernahme und die damit verbundene Fortführung des Insolvenzverfahrens führen zu einer weiteren Stimmungsaufhellung bei den Investoren und Einzelhandelsunternehmen. Wir wissen aus zahlreichen Gesprächen, dass es bei vielen Marktteilnehmern nun zu einem endgültigen Ende des Entscheidungsvakuums kommen wird, dass sich in den letzten Jahren gerade auch durch die ungewisse Zukunft der Warenhäuser gebildet hat“, so Weitkamp.

Vor allem die Karstadt-Standorte in den deutschen Mittelstädten seien davon betroffen. Während Metropolen wie Berlin oder München über genügend Anziehungskraft verfügen, um auch kurzfristig alternative Nutzungsmöglichkeiten für die Warenhäuser hervorzubringen, wäre es für die kleineren Städte die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre gewesen, neue Formen der Zwischennutzung, Nachnutzung und Altimmobilienrevitalisierung zu finden. Viele Standorte blieben dabei auf der Strecke.

Achim Weitkamp: „In nicht wenigen deutschen Mittelstädten richten sich große Teile des City-Einzelhandel an den Karstadt-Warenhäusern aus. Bricht der Standort weg, wirkt sich das nicht nur auf die Einzelhändler im direkten Karstadt-Umfeld aus, vielmehr hat die ganze Innenstadt ein Problem.“ Manchen Mittelzentren drohte damit im Hinblick auf die Versorgungsleistung ein schleichender Bedeutungsverlust hin zum Status von Unterzentren. Dieses Risiko hatte in den letzten Jahren einen direkten Einfluss auf die Expansionsstrategien vieler Filialunternehmen, berichtet der Einzelhandelsspezialist: „Ladenlokale in klassischen Karstadt-Städten waren weniger begehrt als anderswo. Das Risiko einer strukturellen Standortschwächung, etwa durch einen massiven Wegfall von Arbeitsplätzen, war den Unternehmen einfach zu groß.“ Infolgedessen sank auch das Investoreninteresse an Gewerbeimmobilien in den betroffenen Städten. „Ganze Straßenzüge waren so heikel, dass sie zu einem realistischen Preis nicht mehr vermarktbar waren.“

Als Teil der gewachsenen innerstädtischen Einzelhandelslandschaft wirkt das Warenhaus in Kombination mit den umliegenden Einzelhandelsanbietern häufig als Gegenpol zu den innerstädtischen Shoppingcentern. „Wenn der Anker nicht mehr da ist, droht manchen Innenstädten eine starke Segmentierung hin bis zum Verfall. Die historisch begründete 1A-Lage hat in dem Warenhaus oftmals die Funktion der Kirche im Dorf: Als Mittelpunkt trägt es die umliegenden Einzelhändler mit. Bricht der größte Nutzer weg, zieht er viele andere mit.“

Wenn es Berggruen gelingt, seine ehrgeizigen Pläne umzusetzen und den Namen des Konzerns durch geschickte Vertriebsstrategien und ein gezieltes Marketing wieder aufzupolieren, würden ganze Regionen nachhaltig gestärkt und damit die derzeit positive, aber vorwiegend auf Großstädte beschränkte Marktentwicklung weiter befeuern.
 

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